Konjunktur der Begriffe

Google Auszählung ngrams

Nennungen der Begriffe IK und MK in Büchern 1994-2008 (Quelle: Google books Ngram)

Auch Begriffe entwickeln sich. Wie oft wurden die Begriffe „Medienkompetenz“ (MK) und „Informationskompetenz“ (IK) in Publikationen im Verlauf der vergangenen Jahre genannt? Die Konjunktur der Begriffe kann als Häufigkeit in verschiedenen Publikationsmedien mit Hilfe von Datenbankrecherchen gemessen werden.

Der Dienst Google books Ngram Viewer beispielsweise bietet die Möglichkeit, eingescannte Bücher zu durchsuchen und die Häufigkeitsauszählungen über einen definierten Zeitraum  als Diagramm auszugeben. Auf die Auszählungsdaten kann direkt zugegriffen werden; auch können eigene Häufigkeitsdiagramme zu anderen Suchwörtern erstellt werden.

Einen drastischen Anstieg der Häufigkeit des Worts „Medienkompetenz“ ist ab 1995 auch in Zeitungen zu beobachten.

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Informationskompetenz und Quiz-Shows im Fernsehen

Auf der gestrigen Fachtagung fragte mich der Moderator des Panels, ob ein Teilnehmer in einer TV-Quizshow, wie etwa „Wer wird Millionär“, über Informationskompetenz verfüge: Um die Quiz-Frage zu beantworten („die Problemlösung“) und die richtige Informationsquelle auszuwählen, sich zu entscheiden zwischen Telefon- und Publikumsjoker, zwischen Intuition und eigener Fachkompetenz ist Informationskompetenz erforderlich. Ja, sicherlich, sagte ich, eine zwar eingeschränkte Informationskompetenz ist da vonnöten, denn Faktenwissen abzufragen und zu beantworten, stellt keine allzu komplexe Problemlösung dar. Auch die Reflexion über die – wie auch immer gefundene – Antwort kommt zu kurz, letztlich geht es nur um das Erreichen der nächsten Gewinnstufe und ein einfaches „richtig“ oder „falsch“ reicht aus. Die Standards der Informationskompetenz sind nur zum Teil eingelöst. Dieser Gedankengang führte zu einer weiteren Beobachtung: Können Maschinen dies nicht inzwischen besser? Nachdem der menschliche Schachweltmeister von einer Maschine auf den hinteren Platz verwiesen wurde, übernahmen nun auch in Quiz-Shows künstliche Intelligenzen die Führungsrolle: Der IBM Computer „Watson“ gewann in der amerikanischen TV-Show Jeopardy die Runde gegen die Top-Konkurrenten aus Fleisch und Blut. Zukünftige Informationskompetenzen müssen im Zusammenspiel von menschlicher und künstlicher Intelligenz gesehen werden. Bei der Anfrage an eine Suchmaschine fängt es bereits an…

Beitrag zum Handbuch Informationskompetenz

Das „Handbuch Informationskompetenz“ wird herausgegeben von Wilfried Sühl-Strohmenger und erscheint 2012 im Verlag De Gruyter Saur, München. Mein Beitrag in dem Handbuch trägt den Titel: „Informations- und Medienkompetenz aus Sicht der Kommunikations- und Medienwissenschaft“.

„Aus medienwissenschaftlicher Sicht befinden sich Gesellschaftsstruktur und Medientechnologien in einem Verhältnis wechselseitiger Beeinflussung. In einem historischen Rückblick zeigt sich, dass Medieninnovationen nicht selten gesellschaftliche Irritationen hervorrufen. Gegenwärtig sind es die Computermedien und das Internet, die maßgeblich die Forderung nach neuen Informations- und Medienkompetenzen auf Seiten der Bürger, Verbraucher, Arbeitnehmer oder Lernenden vorantreiben. Die gesellschaftliche Diskussion um diese Schlüsselkompetenzen ist indes selbst ein Konstrukt von mehreren Diskursen in den Medien. Ein Nachzeichnen dieser Diskurse macht die Beobachterabhängigkeit der Begriffsdefinitionen, aber auch die Bedeutung gesellschaftlicher Debatten über ihre unterschiedlichen Facetten und Fördermöglichkeiten deutlich.“ 

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„Flachbildschirmrückseitenberatung“ (G. Dueck)


Gunter Dueck schildert in diesem Video (ab min 22) von der re:publica 2011 seine bitter-komischen Erfahrungen mit Berufstätigen, die über weniger (Halb-)Wissen als das eines „frisch Gesurften“ verfügen. Passend zu dieser frustrierenden „Flachbildschirmrückseitenberatung“ fiel mir gerade ein Zitat des Soziologen Niklas Luhmann in die Hände. Bereits 1997 schrieb er:

Die moderne Computertechnologie [...] greift auch die Autorität der Experten an. Im Prinzip wird in nicht allzu ferner Zukunft jeder die Möglichkeit haben, die Aussagen von Experten wie Ärzten oder Juristen am eigenen Computer zu überprüfen. Sie mögen behaupten, es gäbe für die Wirksamkeit bestimmter Medizinen keine wissenschaftlichen Beweise – und man findet sie doch. Oder es gäbe für bestimmte Rechtsfragen noch keine gerichtlichen Entscheidungen – und man findet sie doch. Die Art und Weise, wie Wissen in den Computer kommt, läßt sich zwar schwer überprüfen. Sie läßt sich aber jedenfalls nicht in Autorität ummünzen.“

(Luhmann, N.: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt/Main. 1997. S. 312f.)

Medienpass NRW – ein Diskussionsbeitrag

Schlüsselkompetennz Kreativität

Schlüsselkompetenz Kreativität

Auf der Plattform „Medienpass NRW“ geht es um die Frage, „über welche Fähigkeiten Kinder und Jugendliche heute verfügen müssen, um selbstbestimmt mit Medien umgehen zu könnnen.“ Auf drei Fragen in der Online Diskussion habe ich geantwortet:

„Kennen Sie Projekte zur Förderung von Medienkompetenz? Wenn ja, welche finden Sie gut?“

Der Grundbaukasten mekonet und der Medienpädagogische Atlas verzeichnen bspw. zusammen über 2.000 Projekte zur Förderung von Medienkompetenz. Welche „gut“ oder „geeignet“ sind, lässt sich nur hinsichtlich Zielgruppe, Medienart, Ziel und Nutzungskontext bestimmen. Aus meiner Sicht rückt die Förderung instrumenteller Medienkompetenzen im allgemeinbildenden (nicht-beruflichen) Bereich immer weiter in den Hintergrund: Nicht das Erlernen von Handhabungsfertigkeiten (die wohl über peer-to-peer und informelles Lernen ohnehin besser gefördert werden), sondern kreative Mediengestaltung, Medienreflexion und die Sensibilisierung für Effekte mediengestützter Kommunikation sollten vorrangige Ziele der Förderung durch Medienkompetenz-Projekten sein.

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„Medienkompetenz“ auf Begriffsparkposition?

Sollte man den Begriff „Medienkompetenz“ solange auf eine „Begriffsparkposition“ schieben, bis eine für das 21. Jahrhundert angemessene Definition gefunden ist? Zu Beginn des 21. Jahrhunderts konnte ich über 100 Definitionen im öffentlichen Diskurs finden und analysieren (vgl. Gapski 2001).  Der Begriff wird in verschiedenen Diskursen ausgehandelt, geformt und verändert. Die grundsätzliche Problematik liegt – wie der Medienpädagoge Muus-Merholz im obigen Video (2:15) hervorhebt –  im Wandlungsprozess unserer Gesellschaft: Durch den Komplexbegriff Medienkompetenz werden „Debatten abgekürzt“ und man „umgeht“ das, „was wirklich dahinter liegt – ein gesellschaftlicher Umbruch“.

Systemtheoretisch lässt sich diese Beobachtung mit dem Begriff „Latenz“ genauer beschreiben:

„Je stärker die Gesellschaft informationell differenziert und mediatisiert ist, desto deutlicher werden auch Formen hervortreten, deren latente Funktion die Latenzbewahrung für informationelle Differenzierung und Mediatisierung ist. Individuell und subjektzentriert verstandene Medienkompetenz ist – so die hier vorzustellende These – eine solche hervortretende Form. Die Rede vom medienkompetenten Individuum fügt sich umstandslos ein in die systemischen Imperative der einzelnen Diskurse. Einerseits demonstriert die Griffigkeit des Motivs vom „medienkompetenten Individuum“ aktuellen gesellschaftlichen Handlungsbedarf und dient dabei zugleich der ständigen Irritation der Massenmedien, die über die zahlreichen aktuellen pädagogischen, wirtschaftlichen, rechtlichen oder politischen Forderungen nach mehr Medienkompetenz berichten. Andererseits bewahrt diese Form(el) die Latenz eines gesellschaftlichen Strukturwandels mitsamt der eingebetteten Organisationen und behandelt damit verbundene Unsicherheiten in der Rede von der individuellen „Beherrschung“ und aktiven „Mitgestaltung“ mediengestützter Kommunikation. Die Forderung nach „mehr“ Medienkompetenz, verstanden als Fähigkeit und Fertigkeit des Einzelnen, hebt zwar die gesellschaftliche Bedeutung von Medien im Allgemeinen hervor, stiftet jedoch gleichzeitig Intransparenz in Bezug auf die mitzuberücksichtigen organisatorischen und gesellschaftlichen Strukturveränderungen, ohne die eine ‚medienkompetente Gesellschaft’ nicht möglich wäre. Medienkompetenz in seiner verkürzten subjektiven Fassung erzeugt den blinden Fleck des gesellschaftlich und organisatorisch notwendigen Strukturwandels.“

Quelle: Gapski, Harald (2001): Medienkompetenz. Eine Bestandsaufnahme und Vorüberlegungen zu einem systemtheoretischen Rahmenkonzept. 1. Aufl. Wiesbaden. S. 224f, hier: 226-227.

Durch Ortswechsel Bildung unterbrechen?

Werbung für ein mobiles Endgerät an einer Hauswand in Berlin.

Werbung für ein mobiles Endgerät an einer Hauswand in Berlin.

Die Diskussion – auch am Rande der gestrigen mekonet Fachtagung – erinnerte mich an einen altes Zitat des kanadischen Medienwissenschaftlers Marshall McLuhan aus dem Jahre 1967:

„The electronic environment makes an information level outside the schoolroom that is far higher than the information level inside the schoolroom.  In the nineteenth century the knowledge inside the schoolroom was higher than knowledge outside the schoolroom. Today it is reversed. The child knows that in going to school he is in a sense interrupting his education.“ (McLuhan 1967)

Nach über vierzig Jahren Medienentwicklung scheint diese Behauptung eine empirische Unterstützung zu erfahren. Schülerinnen und Schüler „unterbrechen“ demnach ihre Bildung, wenn sie sich in „elektronisch informationsarmen Schulräumen“ aufhalten. In diesem Sinne könnte man bereits damals ein Analyseergebnis der PISA 2003 Studie zur Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) in der Schule interpretieren: „Schülerinnen und Schüler, die ihre Computerkenntnisse vornehmlich in der Schule erwerben, weisen gegenüber den Gruppen, die diese anderorts erwerben, einen deutlichen Kompetenzrückstand auf“ (Senkbeil / Drechsel 2004, Literaturangaben, s. Gapski (2006a).

Was bedeutet dies? Auf Ausstattungsinitiativen von Schulen zu verzichten, weil die informationsreichere Umgebung ohnehin außerhalb der Schule in der Freizeitwelt vorhanden ist und die Kompetenzen im Umgang mit Informationen auch dort erworben werden? Dem Prinzip der Teilhabe und Chancengerechtigkeit folgen und Ausstattungen für informationsarme Umwelten in der Schule bereitstellen? Den Fokus in der Schule auf Kreativität, Reflexion und Begleitung legen und die (ohnehin in den privaten Haushalten vorhandenen) mobilen Technologien als Mittler zwischen Lebens- und Schulwelt begreifen – mit allen Konsequenzen für eine neue Lernkultur?

 

Die Grenzen von Baarle-Nassau – eine Google Maps Entdeckung


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Beim Surfen über Google Maps zwischen den Niederlanden und Belgien bin ich auf einen Fleck an der Landesgrenze gestoßen. Vergrößert man diesen Ausschnitt landet man in einem Absurdistan der europäischen Grenzziehung: Baarle-Nassau. Enklaven, Exklaven und Grenzziehungen durch Straßen und Häuser. Wikipedia spricht davon, dass sogar Tische in Restaurants des Städtchens Baarle-Nassau unterschiedlichen Ländern zuzuordnen sind.

Statement – Medienpädagogischer Kongress 24.3.11, Berlin

Berlin - Alexanderplatz

Berlin - Alexanderplatz

Mein Statement für die AG Informations- und Kommunikationskompetenz
Kompetenzen in einer mediatisierten und informatisierten Welt

Wir erleben einen gesellschaftlichen Informatisierungs- und Medialisierungsprozess mit grundlegenden Auswirkungen auf alle Lebensbereiche. Die Digitalisierung und globale Vernetzung, die Mobilisierung der Endgeräte, die gemeinschaftlichen Nutzungspraktiken, die Programmierung von ehemals exklusiv sozialen Prozessen lassen soziotechnische Systeme mit emergenten Eigenschaften entstehen. Technische und gesellschaftliche Entwicklungsprozesse befinden sich in einem Verhältnis der Ko-Evolution. Bisher bestehende Grenzziehungen, etwa zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, zwischen menschlicher und künstlicher Informationsverarbeitung, zwischen Produzenten und Konsumenten und zwischen Lehrenden und Lernenden verschieben sich und müssen zum Teil neu verortet werden. …

Brauchen wir eine bildungspolitische Vision für eine Bildung im 21. Jahrhundert und wie positionieren sich Medien- und Informationskompetenz darin?