“Vermarktbare Medienkompetenz” (1998)

Ein Blick zurück: Medienkompetenz spielt nicht nur in medienpädagogischen Debatten seit Jahrzehnten ein große Rolle, auch in der Medienwirtschaft und der Wirtschaftspolitik wurde und wird der Begriff zur Beschreibung von aktuellen und zukünftigen Qualifikationen herangezogen. So erklärte damals das BMBF in einer Pressemeldung vom 9.2.98.

„Medienkompetenz ist eine Schlüsselqualifikation der Zukunft und Bedingung für die Wettbewerbsfähigkeit mittelständischer Firmen in Industrie, Dienstleistung, Handel und Handwerk.“

Ein ausdifferenzierter Definitionsansatz für Medienkompetenz findet sich aus dieser Zeit von Heinz-Reiner Treichel:

„Bei der Ableitung des Qualifikationsbedarfs für Multimedia-Facharbeiter und Führungskräfte muß damit von Produkten und Produktionsbedingungen ausgegangen werden, die vorherrschen werden, wenn Multimedia nicht mehr Experiment und Prototyp, sondern Serienprodukt im prognostizierten Milliardenmarkt ist. Bei einer solchen Sicht rückt die Vermittlung von Softwaremodulen und Hardwarestrukturen als selbstverständliche Voraussetzung in den Hintergrund. Vermarktbare Medienkompetenz, die einen Wettbewerbsvorteil für ein Unternehmen ausmachen kann, wird sich in ganz anderen Bereichen abspielen …”

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Technikgeschichte

Natürlich verändert sich im Verlauf der Zeit die technische Leistungsfähigkeit. Auch verläuft die technische Entwicklung mitunter anders als von den Entwicklern vorhergesehen. Davon zeugen nicht wenige, immer wieder gern zitierte, angebliche oder bezeugte Aussagen von bekannten Größen der Technik- und Marktentwicklung: In den Zeiten der sich entwickelnden Großrechner meinte Thomas Watson, CEO von IBM, noch im Jahr 1943: ”Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt.”

Unterschätzte Bill Gates die zukünftige Entwicklung des Speicherbedarfs noch 1981 deutlich, als er angeblich sagte “640K sollten genug für jeden sein”? Gates dementierte dies später, so wie auch Ken Olsen, Präsident von Digital Equipment Corp., seine Aussage “Es gibt keinen Grund dafür, dass jemand einen Computer zu Hause haben wollte”. Letztere sollte sich  auf Zentralrechner im Haus bezogen haben. Er selbst verfügte durchaus über einen Computer im Haus.

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Was haben Autobahnen, Sicherheitsgurte und Führerscheine mit Medienkompetenz zu tun?

Seit langem beschäftigt mich die Verbindung zwischen Metaphern und Medienkompetenz, bildet sie doch einen Vorrat an Interpretations- und Veranschaulichungsmöglichkeiten. Die Verwendung der Autofahrmetaphorik hat eine längereTradition. Ein paar Überlegungen dazu habe ich in dem neu erschienenen mekonet Dossier zusammengetragen. Es beginnt so…

Die sich rasant entwickelnde Medientechnik und ihre Anwendungen erfordern stetig neue sprachliche Benennungen. So wundert es nicht, dass neben Wortneuschöpfungen und Eindeutschungen wie „googlen“, „skypen“ und „twittern“ auch alte Begriffe neu besetzt werden, um mithilfe von Metaphern neue und zunächst unvertraute Medienanwendungen im Medium der Sprache vertraut werden zu lassen. Metaphern fassen nach Jo Reichertz „das Unbekannte in die Begriffe des Vertrauten“ – als sprachliche Formen sind sie „Medien des Denkens und Medien des Handelns“ (1). Sie sollen bei der gedanklichen Durchdringung neuer Phänomene Ordnung stiften und zugleich Wege aufzeigen, was sinnvollerweise nun getan werden kann. Die Autoren Matthias Bickenbach und Harun Maye behaupten in ihrem Buch „Metapher Internet“ (2009) sogar “Ohne Metaphern keine Kommunikation über Medien” und analysieren insbesondere die Metaphorik des Wellenreitens bzw. des Surfens zum Verständnis der Internetnutzung (2).

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Konjunktur der Begriffe

Google Auszählung ngrams

Nennungen der Begriffe IK und MK in Büchern 1994-2008 (Quelle: Google books Ngram)

Auch Begriffe entwickeln sich. Wie oft wurden die Begriffe “Medienkompetenz” (MK) und “Informationskompetenz” (IK) in Publikationen im Verlauf der vergangenen Jahre genannt? Die Konjunktur der Begriffe kann als Häufigkeit in verschiedenen Publikationsmedien mit Hilfe von Datenbankrecherchen gemessen werden.

Der Dienst Google books Ngram Viewer beispielsweise bietet die Möglichkeit, eingescannte Bücher zu durchsuchen und die Häufigkeitsauszählungen über einen definierten Zeitraum  als Diagramm auszugeben. Auf die Auszählungsdaten kann direkt zugegriffen werden; auch können eigene Häufigkeitsdiagramme zu anderen Suchwörtern erstellt werden.

Einen drastischen Anstieg der Häufigkeit des Worts „Medienkompetenz“ ist ab 1995 auch in Zeitungen zu beobachten.

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Informationskompetenz und Quiz-Shows im Fernsehen

Auf der gestrigen Fachtagung fragte mich der Moderator des Panels, ob ein Teilnehmer in einer TV-Quizshow, wie etwa “Wer wird Millionär”, über Informationskompetenz verfüge: Um die Quiz-Frage zu beantworten (“die Problemlösung”) und die richtige Informationsquelle auszuwählen, sich zu entscheiden zwischen Telefon- und Publikumsjoker, zwischen Intuition und eigener Fachkompetenz ist Informationskompetenz erforderlich. Ja, sicherlich, sagte ich, eine zwar eingeschränkte Informationskompetenz ist da vonnöten, denn Faktenwissen abzufragen und zu beantworten, stellt keine allzu komplexe Problemlösung dar. Auch die Reflexion über die – wie auch immer gefundene – Antwort kommt zu kurz, letztlich geht es nur um das Erreichen der nächsten Gewinnstufe und ein einfaches “richtig” oder “falsch” reicht aus. Die Standards der Informationskompetenz sind nur zum Teil eingelöst. Dieser Gedankengang führte zu einer weiteren Beobachtung: Können Maschinen dies nicht inzwischen besser? Nachdem der menschliche Schachweltmeister von einer Maschine auf den hinteren Platz verwiesen wurde, übernahmen nun auch in Quiz-Shows künstliche Intelligenzen die Führungsrolle: Der IBM Computer “Watson” gewann in der amerikanischen TV-Show Jeopardy die Runde gegen die Top-Konkurrenten aus Fleisch und Blut. Zukünftige Informationskompetenzen müssen im Zusammenspiel von menschlicher und künstlicher Intelligenz gesehen werden. Bei der Anfrage an eine Suchmaschine fängt es bereits an…

Beitrag zum Handbuch Informationskompetenz

Das “Handbuch Informationskompetenz” wird herausgegeben von Wilfried Sühl-Strohmenger und erscheint 2012 im Verlag De Gruyter Saur, München. Mein Beitrag in dem Handbuch trägt den Titel: “Informations- und Medienkompetenz aus Sicht der Kommunikations- und Medienwissenschaft”.

“Aus medienwissenschaftlicher Sicht befinden sich Gesellschaftsstruktur und Medientechnologien in einem Verhältnis wechselseitiger Beeinflussung. In einem historischen Rückblick zeigt sich, dass Medieninnovationen nicht selten gesellschaftliche Irritationen hervorrufen. Gegenwärtig sind es die Computermedien und das Internet, die maßgeblich die Forderung nach neuen Informations- und Medienkompetenzen auf Seiten der Bürger, Verbraucher, Arbeitnehmer oder Lernenden vorantreiben. Die gesellschaftliche Diskussion um diese Schlüsselkompetenzen ist indes selbst ein Konstrukt von mehreren Diskursen in den Medien. Ein Nachzeichnen dieser Diskurse macht die Beobachterabhängigkeit der Begriffsdefinitionen, aber auch die Bedeutung gesellschaftlicher Debatten über ihre unterschiedlichen Facetten und Fördermöglichkeiten deutlich.” 

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“Flachbildschirmrückseitenberatung” (G. Dueck)


Gunter Dueck schildert in diesem Video (ab min 22) von der re:publica 2011 seine bitter-komischen Erfahrungen mit Berufstätigen, die über weniger (Halb-)Wissen als das eines “frisch Gesurften” verfügen. Passend zu dieser frustrierenden “Flachbildschirmrückseitenberatung” fiel mir gerade ein Zitat des Soziologen Niklas Luhmann in die Hände. Bereits 1997 schrieb er:

Die moderne Computertechnologie [...] greift auch die Autorität der Experten an. Im Prinzip wird in nicht allzu ferner Zukunft jeder die Möglichkeit haben, die Aussagen von Experten wie Ärzten oder Juristen am eigenen Computer zu überprüfen. Sie mögen behaupten, es gäbe für die Wirksamkeit bestimmter Medizinen keine wissenschaftlichen Beweise – und man findet sie doch. Oder es gäbe für bestimmte Rechtsfragen noch keine gerichtlichen Entscheidungen – und man findet sie doch. Die Art und Weise, wie Wissen in den Computer kommt, läßt sich zwar schwer überprüfen. Sie läßt sich aber jedenfalls nicht in Autorität ummünzen.”

(Luhmann, N.: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt/Main. 1997. S. 312f.)